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10. Januar 2014 |

„Nachhaltigkeit vom Pathos befreien“

Um knappe Ressourcen in Kreisläufe zu führen, muss man die gesamte Wertschöpfungskette betrachten, erklärt Vorstand Eric Mendel im Interview.
Eric Mendel, Vorstand der ALBA Group, über nachhaltige Kreislaufwirtschaft

10.01.2014 – Wiederverwenden, vermeiden, recyceln – der Umweltdienstleister und Rohstoffversorger ALBA Group hat das abfallpolitische Credo zum Businessmodell gemacht. Um knappe Ressourcen in Kreisläufe zu führen, muss man die gesamte Wertschöpfungskette betrachten, erklärt Vorstand Eric Mendel im Interview.

Dass Recycling zum Klimaschutz beiträgt, ist kaum bekannt. Doch in den letzten 15 Jahren hat allein die Entsorgungs- und Kreislaufwirtschafts-Branche ein Viertel der deutschen CO2-Reduktionen erzielt. Stecken in unserem Abfall so viele Treibhausgase?
Eric Mendel: In der Tat. Aktuelle Studien zeigen, dass es deutlich energie- und ressourcenschonender und damit klimafreundlicher ist, Recyclingmaterialien im Produktionsprozess einzusetzen, als Primärmaterialien zu nutzen. Allein wir als ALBA Group konnten durch die Wiederaufbereitung von über sieben Millionen Tonnen Wertstoffen im Jahr 2012 rund 7,1 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente einsparen – das entspricht immerhin knapp einem Prozent des gesamtdeutschen CO2-Fußabdrucks. Gleichzeitig konnten wir über 41 Millionen Tonnen Primärressourcen einsparen. Den Klimaschutzeffekt lassen wir bereits seit mehreren Jahren von Fraunhofer UMSICHT analysieren. Im vergangenen Jahr haben wir die Untersuchung auf die in der Natur verbleibenden Rohstoffe ausgeweitet, die so genannten abiotischen Rohstoffe. Das Ergebnis zeigt, dass Recycling messbar dazu beiträgt, die Industrie in erheblichem Maße unabhängiger von Primärrohstoffen zu machen. Und: Eine nachhaltige Bewirtschaftung unseres Lebensraumes ist möglich, wenn wir Produkt-, Logistik- und Materialkreisläufe schließen.

Die Deutschen sind Weltmeister im Abfalltrennen. Trotzdem herrscht oft Unklarheit darüber, was dann mit unserem Abfall passiert. Ist die Branche intransparent oder kompliziert?
Eric Mendel: Im Gegenteil. Wir dokumentieren Recyclingmengen und -wege detailliert. Bei Verpackungsabfällen aus dem Gelben Sack schreibt das sogar der Gesetzgeber vor. Das ist vielleicht in der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt, obwohl die Medien heute schon gute Aufklärungsarbeit leisten. Es gibt zum Beispiel im Fernsehen immer häufiger Sendungen, die sich mit dem gesamten Recyclingprozess beschäftigen und so vermitteln, welche Wertstoffe im Müll stecken. Auch beim Konsumverhalten registrieren wir einen Paradigmenwechsel. Immer mehr Menschen beziehen die Recyclingfähigkeit von Produkten in ihre Kaufentscheidung ein oder greifen direkt zu Recyclingprodukten.

Sie werben explizit mit Nachhaltigkeit. Wie viel Überzeugungs- und Aufklärungsaufwand betreiben Sie bei neuen Geschäftsbeziehungen?
Eric Mendel:Wir gehen an jede Geschäftsbeziehung mit dem Anspruch heran, den Kunden, sein Geschäftsmodell und seine Wertschöpfungskette genau zu verstehen. So können wir unsere Leistungen am Bedarf des Unternehmens ausrichten, immer mit dem Ziel, Verbesserungspotenziale zu heben und ökonomisch wie ökologisch einen Mehrwert zu schaffen. Ein Beispiel hierfür ist das Ver- und Entsorgungszentrum am Potsdamer Platz in Berlin. Mit einer Gesamtgrundfläche von 4.500 Quadratmeter und fünf Kilometern Versorgungswegen gewährleisten wir, dass die dort ansässigen Unternehmen, Hotels und Büros effizient versorgt und ihre Abfälle unauffällig, verursachergerecht und umweltschonend entsorgt werden.

Wo hat Ihre Branche bei Nachhaltigkeit noch immer die größten Schwierigkeiten in der Umsetzung?
Eric Mendel: Ein nachhaltiges Stoffstrom- und Ressourcenmanagement muss ganzheitlich sein und die gesamte Wertschöpfungskette betrachten. Das erfordert einen hohen Kooperations- und Abstimmungsaufwand zwischen Vorlieferanten, Herstellern und Handel. Die Erfahrung mit unseren Kunden, und das gilt branchenübergreifend, zeigt, das erst langsam das Bewusstsein dafür wächst, dass einmal genutzte Materialien wieder zurück in den Produktionsprozess fließen können. Angefangen vom Marketing- und Produktmanager über Logistiker und Werksleiter bis zum Meister an der Spritzgussmaschine müssen wir alle für die Idee gewinnen, dass der Einsatz von Recyclingmaterial sinnvoll ist. Am überzeugendsten sind die Materialien selbst: Wenn sie testweise an der Maschine problemlos laufen und auch für anspruchsvolle Aufgaben stabil genug sind, lösen sich die Vorurteile in Luft auf. Das ist etwas zeitaufwendig, aber wenn es einmal läuft, haben wir es mit einem ebenso eingeschliffenen Prozess zu tun wie beim Einsatz von Primärware. Unser Kunde Curver ist ein gutes Beispiel dafür. Die Teams von Curver sind so überzeugt von Recyclingmaterialien, dass sie eine eigene Produktlinie „Ecolife“ entwickelt und erfolgreich am Markt etabliert haben, die sie aus unserem Kunststoffgranulat herstellen. Diese Designlinie wurde sogar mit dem „Best Recycled Endconsumer Product 2012“-Preis ausgezeichnet.

Aber schwächt solche freiwillige Verantwortungsübernahme nicht die eigene Wettbewerbsfähigkeit?
Eric Mendel: Wenn wir einmal das Pathos in der Nachhaltigkeitsdebatte beiseite lassen, sprechen in erster Linie harte wirtschaftliche Gründe für eine umfassende Wiederverwendung von Produkten und Wiederverwertung von Materialien. Beispiel Kunststoffrecycling: Wir sind heute in der Lage, unterschiedlichste Kunststoffarten aus dem Gelben Sack zu trennen und die entstehenden Sekundärrohstoffe über ein spezielles Aufbereitungsverfahren – wir nennen es recycled-resource – zu einem 100-prozentigen Neuwarensubstitut zu verarbeiten. Der Recyclingkunststoff mit dem Markennamen Procyclen ist weniger preissensibel, weil nicht vom Erdölpreis abhängig und zugleich langfristig verfügbar. Und der Einsatz von Procyclen in der Produktion spart entlang des gesamten Gewinnungsprozesses sehr viel Energie- und Logistikkosten und damit Treibhausgase ein.

Ein Tag Gesetzgeber sein. Was würden Sie ändern oder einführen, um es der Nachhaltigkeit in Ihrer Branche zu erleichtern?
Eric Mendel: Man sollte die Produktverantwortung der Hersteller mehr in Richtung Kreislaufführung entwickeln. Wenn es nach mir ginge, würden wir die stoffliche Verwertung von Abfällen noch stärker als die energetische Verwertung fördern. Gleichzeitig würde ich die Recyclingquoten erhöhen und den Anteil von Recyclingmaterial in der Produktion steigern. Aber ich bin kein Freund von Überregulierung. Ich würde vielmehr Anreize und Impulse für die Wirtschaft schaffen, um den bereits laufenden Umdenkprozess zu forcieren. Denkbar wäre, dass die Hersteller eigene Sammelsysteme bei ihren Händlern installieren, die gesammelten Produkte oder Verpackungen in enger Kooperation mit Verwertungsspezialisten aufbereiten und so die Sekundärrohstoffe am Ende wieder in ihren Produktionsprozess zurückführen. Dann könnte die Industrie tatsächlich Einfluss darauf nehmen, dass die Stoffströme dorthin gehen, wo die Hersteller ihre Rohstoffe beschaffen.

Welche Kooperationen – mit Unternehmen, NGOs oder Politik – waren besonders hilfreich für Ihr auf Langfristigkeit angelegtes Wirtschaften?
Eric Mendel: Die Kooperationen mit unseren Kunden. Ein herausragendes Beispiel ist die REWE Group. Von der Verpackungsrücknahme über die Filialentsorgung bis zur Entwicklung neuer Produkte aus Recyclingmaterial haben wir unsere Zusammenarbeit immer weiter intensiviert und zu einer echten Wertschöpfungspartnerschaft ausgebaut. Bei ALDI Süd haben wir die Einweg-Kartonage für Obst und Gemüse durch eine ebenso effiziente wie umweltfreundliche Mehrwegtransportlogistik ersetzt. Solche Leuchtturmprojekte besitzen eine starke Strahlkraft für die gesamte Branche am Standort Deutschland.

Eric Mendel privat: Wie setzen Sie Nachhaltigkeit um?
Eric Mendel: Ich treibe viel Sport, koche und esse gesund und versuche, meinen Kindern Werte zu vermitteln. Ich finde es wichtig, dass sie bewusst mit ihrem Spielzeug umgehen, es nicht gleich wegwerfen, sondern an andere weitergeben. Natürlich wissen unsere Kinder, wie man Müll trennt, nicht nur zu Hause, sondern auch, wie es in einer Anlage funktioniert. Sie haben Spaß daran, und ich glaube, dass wir noch viel mehr tun müssen, um die nachwachsende Generation an einen bewussten Umgang mit unseren Ressourcen heranzuführen.

Quelle: Dieses Interview erschien zuerst in forum Nachhaltig Wirtschaften 1/2014.

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(Foto: ALBA Group)

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