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20. Dezember 2011 | Von der Handarbeit zum Hightech-Prozess

Altpapier-Recycling: Ressourceneffizienz schon bei 98 Prozent

Internet und E-Business zum Trotz – der weltweite Papierbedarf steigt immer weiter an. Deutschland zählt mit einem Jahresverbrauch von rund 23 Millionen Tonnen pro Jahr zu den größten Papierkonsumenten. Die gute Nachricht: Auch beim Recycling von Altpapier werden hierzulande Spitzenwerte erreicht. Ein Blick in die Berliner Sortieranlage der ALBA Group zeigt: Dank moderner Technologien funktioniert das Recycling von Papier, Pappe und Karton (PPK) heute auf hohem Qualitätsniveau.

Meterhoch türmen sich Papierschnipsel, Zeitungen, Kartons & Co. Ein riesiger Radlader schaufelt das bunte Gemisch aufs Band – und los geht die Reise in eine neue Zukunft als Büropapier oder Verpackung. In der PPK-Sortieranlage der ALBA Group in Berlin wird das Altpapier aus den Sammeltonnen der Berliner Bürger zu verwertbaren Sekundärrohstoffen verarbeitet. „Am stärksten sind Papierfabriken an so genannter Deinkingware interessiert, also an alten Zeitungen und Zeitschriften“, erläutert Anlagenleiter Karlheinz Giese. Seit 1988 bei ALBA, kennt sich der frühere Lkw-Fahrer bestens aus im Metier und erinnert sich noch gut an die Anfänge des Papierrecyclings: „Früher wurde alles per Hand sortiert. Das war Knochenarbeit, und wir konnten längst nicht die Qualitäten von heute erzielen.“ Vom Paperspiker, der gezielt Kartons aufspießt, bis zum Nahinfrarot-Modul, das graue und braune Pappen optisch unterscheidet – in der 2006 errichteten Anlage am Hultschiner Damm sorgt modernste Sortiertechnik für die gewünschten Ergebnisse. Die Hauptpapierfraktionen Deinkingware, Kaufhausaltpapier und Mischpapier werden automatisch aussortiert. „Dabei erreichen wir pro Schicht 130 bis 150 Tonnen Durchsatz und eine Ressourceneffizienz von 98 Prozent“, so Giese.

Stabiler Kreislauf

Gemeinsam stark: Die Leistungsfähigkeit der Sortieranlagen ist nicht zuletzt eine Antwort auf den gewachsenen Rohstoffhunger der Papierindustrie. Lag der jährliche Pro-Kopf-Papierverbrauch in Deutschland 1950 noch bei etwa 30 Kilogramm, sind es heute rund 240 Kilogramm. Insgesamt wurden in Deutschland 2010 rund 23,2 Millionen Tonnen Pappe und Papier hergestellt. Nach Angaben des Verbands Deutscher Papierfabriken e.V. (VDP) hat die Industrie dafür im vergangenen Jahr 16,3 Millionen Tonnen Altpapier eingesetzt. Altpapier ist mit Abstand der wichtigste Rohstoff für die Papierindustrie – und Deutschland weltweit Spitzenreiter beim PPK-Recycling. Neben den Mengen aus der haushaltsnahen Sammlung fließen auch gewerbliche Papierabfälle, etwa Produktionsreste, und geschreddertes Material aus der Aktenvernichtung in den Kreislauf zurück. Je nach Qualität der Fasern entstehen aus den Papierabfällen unterschiedliche Produkte. Vom Taschentuch über den Schuhkarton bis zur Dekotapete bietet die Industrie mehr als 3.000 verschiedene Papier-, Karton- und Pappesorten für die unterschiedlichsten Anwendungen an. Das verwendete Altpapier muss daher entsprechend vorsortiert und in der Papierfabrik aufbereitet werden.

Das geschieht im ersten Schritt im Stofflöser oder „Pulper“, einer Art überdimensionalem Küchenmixer. Das Altpapier wird in Wasser aufgelöst und zerfasert, Siebe und Sortieraggregate trennen dann papierfremde Bestandteile wie etwa Büroklammern, Kleber oder Kunststoffe ab. Soll der Faserbrei zur Herstellung hochwertiger Druckpapiere eingesetzt werden, folgt das sogenannte Deinking. Mithilfe von Wasser, Natronlauge und Seife werden die Druckfarben vom Papier gelöst, steigen an die Wasseroberfläche und können dort als Schaum abgesaugt werden. Sechs- bis siebenmal lassen sich die Fasern aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz auf diese Weise wiederverwerten. Dann verlieren sie die Fähigkeit, sich zu binden. Um den Papierkreislauf in Gang zu halten, müssen ihm also immer wieder Frischfasern zugefügt werden. Wo „Recycling“ draufsteht, ist allerdings auch echte Kreislauf-Ware drin. So bestehen zum Beispiel alle in Deutschland produzierten Zeitungsdruckpapiere zu 100 Prozent aus Altpapier.

Hightech für den Umweltschutz

Die Qualität kann sich mittlerweile sehen lassen: War die Ökoware der 80er Jahre sofort durch ihre graue Farbe und grobe Struktur erkennbar, erfüllen die Hightech-Recyclingpapiere von heute alle Ansprüche der modernen Kommunikation. Was in vielen deutschen Verwaltungen bereits an der Tagesordnung ist, setzt sich daher auch zunehmend in der Wirtschaft durch. Eine Studie der Initiative Pro Recyclingpapier und des Beratungsunternehmens A.T. Kearny aus dem Jahr 2010 belegt: Immer mehr Manager erkennen die Bedeutung des Faktors „Papier“ für eine ressourceneffiziente Wirtschaftsweise und setzen es gezielt als Teil ihrer Nachhaltigkeitsstrategie ein. „Vielen Unternehmen ist mittlerweile bewusst geworden, dass sie mit Recyclingpapier sehr effizient ökologische Einsparpotenziale erschließen können“, so Michael Söffge, Sprecher der Initiative Pro Recyclingpapier. Laut Umweltbundesamt lassen sich bei der Herstellung von Recyclingpapier im Vergleich zu Frischfaserpapier jeweils rund 60 Prozent Energie und Wasser einsparen. Bereits der Einsatz von 1.000 Blatt Recyclingpapier spart demnach so viel Energie, wie 70 Computer mit Flachbildschirm für einen Arbeitstag benötigen.

Technische Innovationen in der Sortierung und Verwertung, hohe Rücklaufquoten, eine deutliche Steigerung des Altpapiereinsatzes in der Papierindustrie: In den vergangenen Jahren hat sich die Wiederverwertung von Papier, Pappe und Karton zum Musterbeispiel für eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft entwickelt und leistet heute einen wichtigen Beitrag zum Schutz von Umwelt und Ressourcen. Allerdings gibt es immer noch Optimierungspotenzial. Technische Herausforderungen liegen nach wie vor zum Beispiel im Recycling beschichteter Papiere bzw. in der Verunreinigung der Sekundärrohstoffe mit Rückständen von Druckfarben oder Klebstoffen. Recycling- und Papierindustrie arbeiten intensiv an den Lösungen für das PPK-Recycling von morgen.

(Titelbild: Stefan Balk / fotolia.com)

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