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27. November 2019 | bvse-Präsident Bernhard Reiling im Interview

„Es geht um praktikables, effizientes Wertstoffmanagement“

Unter dem Motto „Modernes Abfallmanagement für Industriestandorte und -betriebe“ diskutieren Unternehmensvertreter und Entsorgungsexperten am 28./29. November in Berlin aktuelle Fragestellungen. Auch der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. (bvse) unterstützt die Veranstaltung als Kooperationspartner. Im Interview mit recyclingnews erläutert bvse-Präsident Bernhard Reiling, was viele Betriebe derzeit bewegt – und wie die Recyclingbranche ihre Kunden bei einem rechtssicheren und kosteneffizienten Umgang mit Abfällen unterstützen kann.

Neue gesetzliche Auflagen, zunehmende Anforderungen an den Umwelt- und Klimaschutz, erhöhter Kostendruck – für viele Unternehmen wird der Umgang mit der Ressource Abfall immer komplizierter. Ein Stichwort ist die Gewerbeabfallverordnung. Welche Auswirkungen haben die aktuellen Entwicklungen – und wie können die Recycling- und Entsorgungsunternehmen ihre Kunden unterstützen?

Bernhard Reiling: Wir können feststellen, dass Industrie, Handel und Handwerk von den vielfältigen gesetzlichen Änderungen, aber auch von den öffentlichen Diskussionen um Nachhaltigkeit, CO2-Bilanz oder Recycling auf dem linken Fuß erwischt wurden. Ein gutes Beispiel ist tatsächlich die Gewerbeabfallverordnung, denn viele Betriebe haben nicht erkannt, dass sie die Hauptadressaten der Regelung sind. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Entsorgungsunternehmen einen erheblichen Beratungsaufwand zu leisten haben.

Es geht dabei darum, in den Betrieben ein praktikables und effizientes Wertstoffmanagement zu etablieren, damit die werthaltigen Abfälle möglichst sortenrein erfasst und einem qualitativ hochwertigen Recycling zugeführt werden können. Ganz nebenbei werden dabei auch Kostenvorteile realisiert, denn gemischt erfasste Abfälle müssen aufwändig sortiert werden. Nach unseren Erfahrungen können durch die Sortierung nur durchschnittlich 15 Prozent an Wertstoffen gewonnen werden. Der übergroße Restanteil muss teuer in Müllverbrennungsanlagen entsorgt werden. Mittlerweile stellt das einen nicht unerheblichen Kostenblock dar, der durch eine konsequente sortenreine Abfallerfassung auf jeden Fall so klein wie möglich gehalten werden sollte.

Was muss passieren, damit der Wandel vom Abfall- zum Wertstoffmanagement flächendeckend gelingt? Wo sehen Sie Chancen, Risiken und konkretes Optimierungspotenzial?

Bernhard Reiling: Die Marschroute ist eindeutig: Die Kreislaufwirtschaft muss vorangetrieben werden. So können natürliche Ressourcen geschont und CO2-Emmissionen vermieden werden. Für unsere Branche bedeutet das, vorhandene Recycling-Kapazitäten auszuschöpfen und vor allem neue Investitionen in weitere Recycling-Kapazitäten auszulösen. Hier können beispielsweise bessere Abschreibungsmöglichkeiten dafür sorgen, dass neue Anlagen entstehen. Zudem ist die Gesetzgebung gefragt, die Auflagen für Anlagen-Genehmigungen im Rahmen zu halten und den Betrieb von Recycling-Anlagen, die vielen Menschen Beschäftigung bieten, in Zukunft zu erleichtern.

Vor allem müssen aber unsere Wertschöpfungsketten neu ausgerichtet werden. Die Produkte, die hergestellt werden, müssen nach ihrer Gebrauchsphase recycelt werden können. Design for Recycling heißt hier das Stichwort. Da stehen wir noch ganz am Anfang einer notwendigen Entwicklung. Wir müssen aber auch darauf achten, dass die Wertstoffe, die aus den Abfällen wiedergewonnen werden, wieder zur Herstellung neuer Produkte verwendet werden. Bei Altpapier, Altglas oder Metallschrott sind wir hier schon sehr weit. Bei Kunststoffrezyklaten stehen wir aber noch ziemlich am Anfang. Da ist noch viel Luft nach oben. Die öffentliche Hand kann hier bei ihren Beschaffungsmaßnahmen mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn die Nachfragemacht von Bund, Ländern und Kommunen ihre Beschaffungsaktivitäten konsequent nachhaltig ausrichtet, dann wird das die Recyclingmärkte enorm stärken.

Auch die Abfallwirtschaft funktioniert zunehmend digital. Welche Erfahrungen machen die Unternehmen mit dem Einsatz digitaler Anwendungen? Und inwieweit erleichtern die neuen Technologien ein gesetzeskonformes, nachhaltiges Ressourcenmanagement in der Praxis?

Bernhard Reiling: Der Digitalisierungsgrad der Branchenunternehmen ist derzeit noch sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von digital aktiven Playern über digitale Starter zu digital noch inaktiven Betrieben. Schon jetzt werden aber bereits Sensortechnik, Künstliche Intelligenz und selbstlernende Systeme der Automatisierungstechnik eingesetzt, die sich rasant weiterentwickeln. Digitale Technologie in Sortieranlagen wird beispielsweise zunehmend dazu beitragen, eine Klassifizierung von Objekten anhand von Sensordaten vorzunehmen und so eine Sortierung mit hohen Reinheitsgraden zu erzielen.

Sehr häufig verwendet werden Ortungssysteme oder Telematiklösungen in der Logistik, wie digitale Behältererfassung und Live-Verfolgung oder Behälterfüllstandsmeldungen. Spezialisierte Digital-Standardlösungen, zum Beispiel für gewerbliche Entsorgung inklusive Container-Verwaltung und Apps, schaffen Zeit- und Kostenersparnis. Auch Kommunikationsplattformen, die alle Beteiligten eines Logistikprozesses miteinander vernetzen, werden zunehmend genutzt. Durch den digitalen Austausch werden zeitraubende Papierdokumentationen obsolet. Dies stellt eine große Erleichterung für den Arbeitsablauf aller Beteiligten dar, die durch die Vorschriften der Gewerbeabfallverordnung, aber auch des Verpackungsgesetzes mit umfangreichen zusätzlichen Dokumentationspflichten belegt wurden. (KTH)

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(Foto: bvse)

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